Was ist eine Madhhab (Rechtsschule)? Wie sind die Rechtsschulen entstanden?
Eines der am häufigsten diskutierten und zugleich missverstandenen Themen in der islamischen Geschichte ist der Begriff Madhhab (Rechtsschule). Besonders Menschen, die neu mit dem Islam in Berührung kommen oder beginnen, sich intensiver mit religiösen Themen zu beschäftigen, stellen häufig Fragen wie: Was ist eine Madhhab? Warum gibt es Madhhabs? Wie und wann sind die Rechtsschulen entstanden?
Die Existenz verschiedener Madhhabs führt bei manchen zu Verwirrung, doch in Wirklichkeit stellen sie keine Spaltung der Religion dar, sondern sind das natürliche Ergebnis unterschiedlicher Auslegungen bei der praktischen Umsetzung des Islams.
In diesem Beitrag werden Fragen wie Was bedeutet Madhhab? Warum und wann entstanden die Rechtsschulen? Welche Madhhabs gibt es im Islam? Was ist eine fiqh-rechtliche Madhhab und welche vier großen Rechtsschulen existieren? sachlich und ausgewogen erläutert.
Was ist eine Madhhab? (Was bedeutet Madhhab?)
Das Wort Madhhab bedeutet wörtlich „Weg“, „Richtung“ oder „Methode“. Nach dem Türkischen Sprachinstitut (TDK) steht es für eine bestimmte Auffassung, Ansicht oder Lehre. Im religiösen Kontext bezeichnet eine Madhhab unterschiedliche Auffassungen innerhalb derselben Religion, die aus verschiedenen Interpretationen religiöser Quellen hervorgehen.
Wichtig ist hierbei: Eine Madhhab ist nicht die Religion selbst. Madhhabs sind wissenschaftliche Auslegungsschulen, die entstanden sind, um religiöse Gebote aus dem Koran und der Sunna zu verstehen und praktisch umzusetzen.
Kurz gesagt lautet die Antwort auf die Frage „Was ist eine Madhhab im Islam?“: Eine Madhhab ist ein methodischer Weg, religiöse Gebote zu verstehen und anzuwenden.
Warum sind Madhhabs entstanden?
Die Frage „Warum gibt es Madhhabs?“ wird häufig gestellt. Die Entstehung der Rechtsschulen ist eng mit der natürlichen Entwicklung der islamischen Geschichte verbunden.
Zu Lebzeiten des Propheten Mohammed (s.a.v.) konnten Muslime bei allen Fragen direkt ihn konsultieren. Daher gab es in dieser Zeit keine Madhhab-Unterschiede.
Nach seinem Tod breitete sich der Islam rasch über verschiedene Regionen, Kulturen und Gesellschaften aus. Neue Situationen traten auf, für die es keine expliziten Regelungen im Koran oder in der Sunna gab. Diese Fragen mussten von Gelehrten interpretiert werden.
Die wichtigsten Gründe für die Entstehung der Madhhabs sind:
- Unterschiedliche soziale und kulturelle Bedingungen
- Neue rechtliche und gesellschaftliche Fragestellungen
- Verschiedene Auslegungen von mehrdeutigen Versen und Hadithen
- Unterschiedliche methodische Ansätze der Gelehrten
Daher stellen Madhhabs keine Abweichung vom Islam dar, sondern ein Zeichen seiner Anpassungsfähigkeit und wissenschaftlichen Tiefe.
Wann sind die Madhhabs entstanden?
Die ersten Ansätze madhhab-ähnlicher Auslegungen entstanden kurz nach dem Tod des Propheten. Die systematische Ausbildung der heute bekannten Madhhabs erfolgte jedoch hauptsächlich im 2. und 3. Jahrhundert nach der Hidschra.
Auf die Frage „Wie viele Jahre nach dem Propheten entstanden die Madhhabs?“ lässt sich daher sagen: etwa 100–200 Jahre später.
Wie werden die Madhhabs im Islam eingeteilt?
Islamische Madhhabs werden grundsätzlich in zwei Hauptgruppen unterteilt:
1. Glaubensrechtliche (Itikadische) Madhhabs
Sie befassen sich mit Glaubensfragen wie Gottesattribute, Schicksal (Qadar) und Glaubensgrundsätze.
2. Rechtspraktische (Fiqh-rechtliche) Madhhabs
Diese behandeln praktische Themen wie Gebet, Fasten, Ehe, Handel, Erbrecht und gesellschaftliche Regeln.
Der Fokus dieses Artikels liegt auf den fiqh-rechtlichen Madhhabs.
Was ist eine fiqh-rechtliche Madhhab?
Eine fiqh-rechtliche Madhhab ist eine Rechtsschule, die sich mit der praktischen Umsetzung religiöser Pflichten befasst. Dazu gehören Gebet, rituelle Reinheit, Fasten, Zakat, Ehe, Scheidung und Handelsfragen.
Ziel dieser Madhhabs ist es, Muslimen eine verlässliche und fundierte Orientierung im religiösen Alltag zu bieten.
Die vier großen Madhhabs und ihre Merkmale
Im sunnitischen Islam werden vier große fiqh-rechtliche Madhhabs anerkannt:
Hanafitische Madhhab
Begründet von Imam Abu Hanifa. Sie legt großen Wert auf Vernunftschluss (Qiyas) und juristische Argumentation. Verbreitet in der Türkei, auf dem Balkan, in Zentralasien und Südasien.
Malikitische Madhhab
Gegründet von Imam Malik. Die Praxis der Bevölkerung Medinas wird als wichtige Rechtsquelle betrachtet. Vor allem in Nordafrika verbreitet.
Schafiitische Madhhab
Begründet von Imam as-Schafi‘i. Sie verbindet Koran, Sunna und Analogieschluss ausgewogen. Verbreitet in Südostanatolien, Südostasien und Ostafrika.
Hanbalitische Madhhab
Begründet von Imam Ahmad ibn Hanbal. Sie stützt sich stark auf Hadithe und ist zurückhaltender bei Auslegungen. Heute vor allem in Saudi-Arabien verbreitet.
Sind Madhhabs eine Spaltung?
Die häufig gestellte Frage „Welche Madhhab ist die richtige?“ beruht auf einem Missverständnis. Nach übereinstimmender Meinung islamischer Gelehrter sind alle vier großen Madhhabs rechtmäßig, da sie auf Koran und Sunna basieren.
Die Unterschiede betreffen Details der Praxis, nicht den Glaubenskern. Daher gelten Madhhabs nicht als Spaltung, sondern als Erleichterung und Barmherzigkeit.
Fazit: Warum gibt es Madhhabs?
Madhhabs erfüllen wichtige Funktionen:
- Sie machen den Islam in verschiedenen Lebenssituationen praktikabel
- Sie bieten eine wissenschaftliche Struktur
- Sie verhindern willkürliche Auslegungen
- Sie ordnen das religiöse Leben systematisch
Madhhabs spalten den Islam nicht, sondern bewahren und strukturieren ihn. Deshalb gelten sie in der islamischen Geschichte als notwendige, natürliche und wertvolle Entwicklung.